Europa


Europa

Europa, kleinster, aber durch Lage und Kultur wichtigster Erdteil der Alten Welt, wird im N. vom Nördl. Eismeer, im W. vom Atlant. Ozean, im S. vom Mittelländ., Schwarzen und (durch die Manytschniederung verbunden) Kaspischen Meer, im O. vom Uralgebirge und -fluß begrenzt. Äußerster Punkt im O. der Berg Khaï-udy-paï im Ural (66° 8' 40'' ö.L. von Greenwich), im W. das Cabo da Roca (9° 30' w.L.), im N. das Nordkap (71° 12' n.B.), im S. Kap Tarifa (35° 59' n.B.). Größe ca. 9.723.600, mit Polarinseln ca. 10 Mill. qkm; Halbinseln und Inseln 1/3 der Fläche. [Karten: Europa I u. II.]

Gebirgskern Mitteleuropas die Alpen (Montblanc 4810 m), im W. durch den Apennin (2914 m), im O. durch Karpathen (2663 m) und Balkan (2378 m), sowie das Dinarisch(-Albanische) Gebirge (2528 m) fortgesetzt; in großem nördl. Bogen lagern sich um dieses Hochgebirge das franz. Zentralplateau (1886 m hoch), die deutschen Mittelgebirge (Riesengebirge 1605 m) und die thraz. Gebirge (Rhodope 2930 m). Die Westhalbinsel (Pyrenäen 3404 m, Sierra Nevada 3481 m), die Skandinav. Halbinsel (2560 m) sowie Großbritannien (1343 m) haben eigene Gebirgssysteme. Grenzgebirge im O. der Ural (1688 m). [S. auch Beilage: Berge.] Bewässerung reichhaltig; Hauptflüsse, ins Eismeer: Petschora, Dwina, Onega; in die Ostsee: Torneå-Elf, Newa, Düna, Niemen, Pregel, Weichsel, Oder; in die Nordsee: Elbe, Weser, Ems, Rhein, Schelde, Themse; in den Kanal und den Atlant. Ozean: Seine, Loire, Garonne, Duero, Tajo, Guadiana, Guadalquivir; in das Mittelmeer: Ebro, Rhône, Tiber, Po, Etsch; in das Schwarze Meer: Donau, Dnjestr, Dnjepr, Don; in das Kaspische Meer: Wolga (der größte Strom E.s), Ural; Seen: Onega-, Ladoga-, Peipus-, Wener-, Wetter-, Mälar-, Boden-, Genfer, Gardasee.

Klima, abgesehen vom äußersten Norden, gemäßigt, Jahrestemperatur nicht unter 0° und auch nicht über 20° C. Fünf Klimaprovinzen: Mittelmeerprovinz mit kalten (Mistral, Bora) und heißen (Sirocco) Sturmwinden; Ozeanische oder Atlant. Provinz, mit ozeanischem Klima und geringen Wärmeschwankungen; Kontinentalprovinz, Übergang zwischen Ozeanischer und Pontischer Provinz, mit größern Schwankungen; Baltische und Pontische Provinz, mit echtem Festlandklima und großen Schwankungen. Niederschläge im N. und O. (125 mm) weniger als im S. und W. (800 mm); am meisten in Bergen (1860 mm). Für die Pflanzenwelt werden vier Florengebiete unterschieden: 1) Arktische Flora, baumlos und ohne Feldkultur; 2) Mitteleurop. Flora, bis zu den Pyrenäen, Südalpen und dem Balkan, mit Nadel- und Laubwäldern, Wiesen, Heiden, Mooren und Sümpfen, in einem nördl. (Birke, Fichte, Kiefer, Gerste, Hafer), in einem mittlern (Eiche, Buche, Roggen, Weizen, Kartoffeln, Buchweizen, Flachs, Hanf, Obst) und einem südl. Gürtel (Wein, Tanne, Berg- und Zirbelkiefer, Lärche); 3) Mittelmeerflora, mit immergrünen Laubhölzern (Kork- und Steineiche, Lorbeer, Granate, Oleander, Myrte, Pinie, Zypresse, Platane, Edelkastanie), Wein, Ölbaum, Südfrüchten, Weizen und Mais; 4) die Grassteppenflora zwischen Dnjepr- und Wolgaunterlauf, baumlos, reich an Getreide. Die Tierwelt gehört der paläarktischen Region an und kann in drei Abteilungen (die der Mittelmeerländer, die ost- und die westeuropäische) geschieden werden. Von Säugetieren sogar ein Affe (bei Gibraltar), 23 Raubtierarten, von Nagetieren bemerkenswert der Biber (früher häufig, jetzt fast nur im O.) und das Stachelschwein (Pyrenäische Halbinsel), von wilden Wiederkäuern Elch und Renntier (im N.), Gemse (in Hochgebirgen), Saïgaantilope (in Südrußland), Mufflon (Sardinien und Korsika), Steinbock (Spanien und Hochalpen), Bezoarziege (Kreta), Wisent (im O. unter menschlichem Schutz); über 400 Vogelarten; von Reptilien 6 Schildkröten, 33 Eidechsen (darunter ein Chamäleon im SW.), 24 Schlangen (drei giftige); 300 Arten Knochenfische; von Insekten bes. viele Käfer (gegen 12.000 Arten); unter den Spinnentieren bes. Skorpione. Großer Reichtum an nutzbaren Mineralien, so Gold (Ural und Karpathen), Silber (Ural, Karpathen, Sächs. Erzgebirge, Schweden), Quecksilber (Illyrien, Italien, Spanien), Platin (nur Ural), Zinn (Cornwallis), Zink (England, Italien, Deutschland), Blei (England, Spanien, Ungarn, Deutschland), Kupfer (England, Schweden, Norwegen, Rußland, Ungarn), Eisen (das meiste in England, das beste in Schweden), Steinkohlen (bes. England, Belgien, Frankreich, Deutschland), Steinsalz (Galizien) etc.

Bevölkerung. E. hat in alter Zeit eine Reihe ganz verschiedener Völker und Sprachen besessen, von denen wir sechs noch zu erkennen vermögen. 1) Auf der Pyrenäenhalbinsel und in Südfrankreich der Iberische Sprachzweig, von dem sich ein Dialekt im Baskischen bis heute erhalten hat. 2) In Südfrankreich und Norditalien das Ligurische. 3) In Toskana das Etruskische. 4) In Griechenland und Kleinasien eine besondere Sprache, für die noch kein Name besteht. Die letzten drei sind ausgestorben. 5) Im Osten und Norden das Finnische und 6) in Mittel-E. (Nordfrankreich, Norddeutschland und Westrußland) das Indogermanische. Dieses hat sich gewaltig ausgedehnt und allmählich die übrigen Sprachen verdrängt. Um 600 v. Chr. saßen Angehörige dieses Sprachstammes in Italien (Latiner, Umbrer, Samniter), in Griechenland (Hellenen), in der nördl. Balkanhalbinsel (Illyrer und Thrazier), in Rußland (Slawen), in Norddeutschland und Südskandinavien (Germanen) und in Süddeutschland, Frankreich, Spanien (Kelten). Alle vernichten die alten Dialekte, dehnen sich immer weiter aus und stoßen daher zusammen. Die lat. Sprache gewinnt Italien, Spanien, Frankreich, Teile der Balkanhalbinsel; die german. Süddeutschland. Im Osten verliert diese dagegen das Gebiet zwischen Elbe und Weichsel an das Slawische. Dieses dringt auch nach Osten und Süden vor auf Kosten des Finnischen und der Sprachen in Ungarn und der Balkanhalbinsel. Im 6. Jahrh. n. Chr. ist die heutige Verteilung der Sprachen ungefähr erreicht. Die ca. 392.264.000 E. gehören überwiegend der Mittelländ. Rasse und Indogerman. Sprachgruppe an, und zwar in Mittel-E. den Germanen (Deutsche, Holländer, Flämen, Skandinavier, Engländer; ca. 32 Proz.), in West-E. und Italien den Romanen (Franzosen, Wallonen, Italiener, Spanier, Portugiesen, Rumänen, Rhätoromanen etc.; 27 Proz.), in Ost-E. den Slawen-Balten (Russen, Polen, Tschechen mit Mährern und Slowaken, Wenden, Serben, Kroaten, Slowenen, Bulgaren, Letten etc.; 31 Proz.); ferner den Kelten (bez. in Wales, auch in Schottland, Irland und der Bretagne), Griechen und Albanesen. Der Rest zählt zur Mongol. Rasse: Magyaren, Finnen und Türken (5 Proz.); außerdem finden sich noch Basken, Juden, Armenier, Zigeuner, Samojeden. [Tafel: Menschenrassen, 37-40.] Der Religion nach (nur ca. 41/2 Proz. Nichtchristen): ca. 45 Proz. Röm.-Katholische, 26 Proz. Griech.-Katholische, 241/2 Proz. Protestanten, 2 Proz. Juden, 2 Proz. Mohammedaner, wenig Heiden (Samojeden und Kalmücken). Politisch zerfällt E. in 4 Kaiserreiche: Deutsches Reich, Österr.-Ungar. Monarchie, Rußland, Türkei; 12 Königreiche: Großbritannien und Irland, Niederlande, Belgien, Schweden, Norwegen, Dänemark, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Rumänien, Serbien; das Großhzgt. Luxemburg; 4 Fürstentümer: Liechtenstein, Monaco, Bulgarien, Montenegro; 4 Republiken: Frankreich, Schweiz, Andorra, San Marino. Über Flächeninhalt, Bevölkerungszahl und Handel der polit. Gebiete s. Beilage: Europa; über die Bevölkerungsverhältnisse ferner Beilage: Bevölkerung; Eisenbahnen s. Beilage: Eisenbahnen. – Vgl. »Unser Wissen von der Erde« (hg. von Kirchhoff, Bd. 2 u. 3, 1887-93), Philippson (2. Aufl. 1905 fg.), Lehmann (1898), Gebauer (1901), Stern (Geschichte, Bd. 1-4, 1894-1905).


http://www.zeno.org/Brockhaus-1911. 1911.

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